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Badische Zeitung, 20.02.2021

Janusz Chwierut - Stadtpräsident von Oswiecim
Janusz Chwierut - Stadtpräsident von Oswiecim

"Eine Zukunft ohne Kriege und Gewalt aufbauen"

Von Kai Kricheldorff, Sa, 20. Februar 2021, Breisach

BZ-SERIE (7): Interview mit Stadtpräsident Janusz Chwierut aus Breisachs polnischer Partnerstadt Oswiecim / Bürger können Freundschaft und Verständnis vertiefen.

Die Stadt Oswiecim in Polen ist seit zehn Jahren mit Breisach durch eine Städtepartnerschaft freundschaftlich verbunden. Eine BZ-Serie erinnert an die Anfänge der Jumelage und ihren Werdegang. Kai Kricheldorff sprach mit Oswiecims Stadtpräsident Janusz Chwierut über die Bedeutung der Städtepartnerstadt mit Breisach und die Anstrengungen, die Oswiecim unternimmt, um nicht allein als eine Stadt mit schrecklicher Vergangenheit wahrgenommen zu werden.

BZ: Herr Chwierut, welche Erinnerungen verknüpfen Sie mit Ihren Aufenthalten in Breisach?

Janusz Chwierut: Ich habe Breisach als eine sehr malerische Stadt kennengelernt und erinnere mich besonders gern an das auf dem Berg gelegene Münster. Von dort oben aus kann man die schöne Umgebung der Stadt, das Rheintal, die Vogesen, den Schwarzwald sowie die Weinberge bewundern. Während meines Besuchs in Breisach habe ich viel über die Geschichte, Kultur und Tradition der Stadt kennengelernt. Die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt waren immer sehr gastfreundlich, nett und offen.

BZ: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Städtepartnerschaft im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens?

Chwierut: Städtepartnerschaften sind eine Form direkter Zusammenarbeit zwischen Städten, ihren Einwohnern und den lokalen Behörden. Menschen aus verschiedenen Ländern kommen dabei miteinander in Kontakt, die, unabhängig von den Aktivitäten der nationalen Regierungen, an kulturellem, wirtschaftlichem und informativem Austausch interessiert sind. Die Partnerschaft zwischen Oswiecim und Breisach wurde im Jahre 2009 formell unterzeichnet. Seitdem vertiefen beide Städte ihre Verbindung durch den Austausch von Schulklassen und Jugendmannschaften der Fußballvereine sowie anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen.
BZ:
Und wie hat sich die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene entwickelt?

Chwierut: Auf der Ebene der Kommunalverwaltungen findet ein enger Informationsaustausch statt. Wir laden uns gegenseitig zu verschiedenen Veranstaltungen ein. Dabei ergibt sich Gelegenheit, Traditionen und Kultur der Partnerstadt kennenzulernen. Eine der wichtigsten Veranstaltungen in Oswiecim ist die alljährliche Feier Ende Januar zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und der Stadt Oswiecim. Dazu laden wir Vertreter unserer Partnerstädte ein, natürlich auch Repräsentanten der Stadt Breisach. Am Rande der Gedenkfeier diskutieren wir die Kooperationspläne mit unseren Partnerstädten für die nächsten Jahre.

BZ: Zu Recht betonen Sie häufig, dass Oswiecim nicht mit Auschwitz gleichzusetzen ist. Konnte die Städtepartnerschaft mit Breisach in den letzten Jahren dazu beitragen, die öffentliche Wahrnehmung der Stadt Oswiecim in Deutschland zu verändern?

Chwierut: Die Städtepartnerschaft hat zweifellos dazu beigetragen, die Wahrnehmung Oswiecims zu verändern, insbesondere bei jungen Menschen, die in unsere Stadt kommen. Viele Besucher, die zum ersten Mal zu Gast sind, haben eine Vorstellung von Oswiecim, die sich ausschließlich mit dem Museum Auschwitz-Birkenau und der tragischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs verbindet. Vor Ort sind sie dann immer positiv überrascht, dass wir eine sehr geschäftige Stadt mit moderner Infrastruktur sind, in der man seinen Interessen nachgehen, sich beruflich weiterentwickeln und auch Spaß haben kann. Oswiecim ist eine Stadt mit einer 800-jährigen vielseitigen Geschichte. Dabei vergessen wir natürlich nicht die tragischen Aspekte der historischen Vergangenheit. Unsere Aktivitäten im Bildungsbereich und bei der Erziehung junger Menschen konzentrieren sich auf die Achtung der Menschenrechte, aber auch auf die aktuellen Bedrohungen der europäischen und globalen Sicherheit, die sich aus Verletzungen dieser Grundrechte in der Gegenwart ergeben. Wir vermitteln jungen Menschen das Wissen zu dieser Thematik im Rahmen von Seminaren, Bildungsprojekten, Publikationen und Konferenzen.

BZ: Oswiecim sieht sich als "Stadt des Friedens", Breisach als "Europastadt": Welche gemeinsame Verantwortung ergibt sich aus diesen Attributen für die beiden Partnerstädte?

Chwierut: Oswiecim ist eine Stadt mit etwa 40 000 Einwohnern und Zentrum zahlreicher Friedensinitiativen. Sie ist Treffpunkt für Menschen verschiedener Nationalitäten, unabhängig von Religion und Glauben. Darin liegt für unsere Stadt die Chance, ein offenes, multinationales und multireligiöses Zentrum für Reflexion und Dialog zu werden. Dazu setzen wir auf Werte wie Koexistenz, Versöhnung, Liebe, Frieden, Toleranz, Dialog, Erinnerung, Freiheit, Verständigung und eine Welt ohne Gewalt. Das Leben zeigt leider oft, wie wenig Menschen und Nationen voneinander wissen: über Geschichte, Kultur, Religion, Sitten und Gebräuche und den Glauben anderer Völker. Städtepartnerschaften bieten die Möglichkeit, die genannten Werte auf direktem Wege zu verwirklichen. Die Europastadt Breisach ist eine moderne und sich positiv entwickelnde Stadt, die wie Oswiecim viele Beziehungen zu anderen Zentren in Europa unterhält. Ich denke, diese Verbindungen sollten wir dazu nutzen, gemeinsam den Weltfrieden zu verbreiten. Unsere Verantwortung besteht darin, der jungen Generation zu vermitteln, wie sie eine Zukunft ohne Kriege und Gewalt in einer sich schnell verändernden Welt aufbauen können. Je mehr Städte, Institutionen und Menschen an diesem Prozess beteiligt sind, desto größer ist die Chance, dass diese Initiativen in ihrer Wirksamkeit gestärkt werden können.

BZ: Partnerschaft ist gleichbedeutend mit geben und nehmen. Was kann Oswiecim in die Städtepartnerschaft mit Breisach geben, und was bekommt sie von ihr zurück?

Chwierut: Eine gute Zusammenarbeit im Rahmen der Städtepartnerschaft kann für die örtliche Gemeinde und die Stadtverwaltung viele Vorteile bringen. Die Zusammenarbeit kann junge Menschen und ihre Altersgenossen aus anderen Ländern mobilisieren und inspirieren. Sie kann allen helfen, zu verstehen, was Europa ist, was es für die moderne Welt bedeutet und wohin es uns führen wird. Der Austausch von Erfahrungen, das Lernen über Tradition und Geschichte anderer Städte und Länder sind nur einige der Vorteile von Städtepartnerschaften. Kontakte zwischen den Menschen zu knüpfen und zu pflegen, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen aufzubauen und die Freundschaft zueinander zu vertiefen, sind wichtige Ziele von Städtepartnerschaften.

BZ: Was wünschen Sie sich für die zukünftige Entwicklung der Städtepartnerschaft mit Breisach?

Chwierut: Unsere partnerschaftliche Zusammenarbeit ist ein langfristiges Engagement und nicht eine kurze Zusammenarbeit im Rahmen eines einzigen Projektes. Sie soll politische Veränderungen oder vorübergehende Probleme überstehen und beispielsweise bei Naturkatastrophen Unterstützung bieten. In einer solchen Partnerschaft ist es wichtig, die Zusammenarbeit an die aktuellen Anforderungen und Bedürfnisse anzupassen. Deshalb beziehen wir neben den lokalen Behörden auch die Bürgerinnen und Bürger unserer Städte in die Zusammenarbeit ein. In einer Zeit der Krise und der Einschränkungen, die wir jetzt im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie erleben, ist es ganz wichtig den Kontakt aufrechtzuerhalten. Dies gilt für den Dialog in der öffentlichen und privaten Sphäre ebenso für Kontakte auf zivilgesellschaftlicher Ebene.

Ungeachtet der vorübergehenden Verlagerung der Beziehungen in eine distanzierte, digitale Welt, warten wir gemeinsam auf die Zeit nach der Pandemie, in der wir uns im bewährten Rahmen, auch in neuen Verbindungen, wieder persönlich treffen und austauschen können. Wir hoffen, dass wir die gute Partnerschaft zwischen Breisach und Oswiecim bald wieder in der gewohnten Form fortsetzen und uns über die Herausforderungen der Gegenwart austauschen zu können.

Badische Zeitung, 26.01.21

Über 232 000 Kinder wurden nach Auschwitz deportiert

Das Blaue Haus, der Verein "Für die Zukunft lernen" und der Freundeskreis Oswiecim laden zur digitalen Gedenkfeier ein.

Am Mittwoch, 27. Januar, wird aus Anlass des 76. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau an das Schicksal der Kinder in Auschwitz erinnert. Der Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach (Blaues Haus), der Verein "Für die Zukunft lernen – Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau" und der Freundeskreis Oswiecim der Breisacher Hugo-Höfler-Realschule laden die Bevölkerung dazu ein, an der digitalen Gedenkfeier teilzunehmen.

Seit 2013 bereiten Schülerinnen und Schüler der Hugo-Höfler-Realschule gemeinsam mit dem Team des Blauen Hauses thematisch ein öffentliches Gedenken an die Breisacher Bürgerinnen und Bürger vor, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer gefallen sind. In jedem Jahr gestalten Schüler und Schülerinnen mit ihren Lehrerinnen ein eigenes Programm, wozu sie auch andere Schulklassen ihrer Schule einladen.

Internationaler Gedenktag
Der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 wurde 1996 von Bundespräsident Roman Herzog zum Gedenktag an alle Opfer der Nationalsozialisten und 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Holocaustgedenktag erklärt. Im Januar 2020 wurde gemeinsam mit der Freiburger Hilfsgemeinschaft an die Opfer der Patientenmorde, die die Nationalsozialisten ab Januar 1940 verübten, erinnert.
In diesem Jahr werden viele Gedenkveranstaltungen ins Internet verlegt. Die Hugo-Höfler-Realschule beteiligt sich mit einem Beitrag auf ihrer Homepage. Das Team des Blauen Hauses nimmt zusammen mit dem Verein "Für die Zukunft lernen – Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau" und dem Freundeskreis Oswiecim sowie Vertreter der Stadt Breisach an der digitalen Gedenkfeier der Gedenkstätte Panstwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau in der Breisacher Partnerstadt Oswiecim teil.

Das Schicksal der mindestens 232 000 Kinder, die nach Auschwitz deportiert wurden und von denen nur wenige überlebten, wird Hauptthema des 76. Jahrestages der Befreiung sein. Die drei Vereine und die Hugo-Höfler-Realschule laden die Breisacher Bevölkerung ein, an der Ausstrahlung teilzunehmen.

Die Gedenkfeier kann am Mittwoch, 27. Januar, um 16 Uhr auf den Websites http://www.auschwitz.org und 76.auschwitz.org sowie auf dem YouTube-Kanal des Memorial, Facebook und Twitter verfolgt werden.